1. Aufriß
(von Reinhard Hohmann)
Allgemein geht man davon aus, dass 70 % der Kenntnisse und Fähigkeiten, die ein
Mensch im Laufe eines Lebens erwirbt, nicht aus formalen Bildungsgängen, also
z.B. aus der Schule, stammen, sondern aus privatem, selbstgesteuertem Lernen
oder aus dem Lernen "nebenbei". Die meisten Menschen lernen den Umgang mit dem
Computer nicht in Kursen der Erwachsenenbildung, sondern privat durch Üben,
Ausprobieren oder durch die Hilfe von Freunden usw. Ähnlich ist es in der
Erziehung: Wie man ein Kind erzieht, lernt man nicht oder nur in geringem Umfang
in Schule und Erwachsenenbildung, sondern meistens "en passant" und am
allermeisten durch die eigenen Erfahrungen, die man gemacht hat.
Die so erworbenen "skills" finden gegenwärtig große Beachtung, weil man
herausgefunden hat, dass sie oft im Beruf und im Alltag wichtiger und besser
anzuwenden sind als Schulabschlüsse und Zertifikate.
Aus dieser Erfahrung heraus entsteht die Frage, wie man Kenntnisse und
Fähigkeiten Erwachsener besser anerkennen (akkreditieren) und vielleicht sogar
zertifizieren kann. Wenn das gelingt, hat es auch einen hohen
volkswirtschaftlichen Nutzen und könnte sich bis in das Schulwesen hinein
auswirken. Viel Langeweile in der Schule könnte vermieden werden, wenn Schüler
nicht mehr Kurse besuchen müßten, die nur solches Wissen vermitteln, das sie
schon haben.
Ein anderes typisches Beispiel aus Deutschland: Um Erzieherin in einem
Kindergarten zu werden, muss man hier eine fünfjährige Ausbildung absolvieren.
Sie endet mit einem staatlichen Diplom. Es gibt Gegenden in Deutschland, wo
Erzieherinnen fehlen. Dort hat man sich Gedanken darüber gemacht, ob nicht auch
Mütter, die über große Erfahrungen in der Erziehung ihrer Kinder verfügen, diese
Aufgabe übernehmen könnten. Deshalb stellt sich das Problem: Wie läßt sich
herausfinden, was diese Mütter bereits können und was sie noch lernen müssen? -
Darf man auf eine vorherige Schulbildung verzichten, die angehende Erzieherinnen
mitbringen müssen (in Deutschland ist das die sog. "Mittlere Reife"). Wie müssen
geeignete Tests aussehen? Offenbar reicht es nicht allein, auf die "Praxis" zu
verweisen, denn es gibt "gute" und "schlechte" Praxis.
Die Tagung von Budapest soll Beiträge aus den sechs beteiligten europäischen
Ländern zur Bewertung und Anerkennung informeller und nicht-formeller
Bildungsgänge zusammentragen und mithelfen, dass auf nationaler Ebene neue Wege
zur Anerkennung des Lernens gegangen werden.
2. Die Beiträge
Aus deutscher Sicht hat Reinhard Hohmann die aktuelle erwachsenenpädagogische Diskussion zusammengefaßt.
In Form einer Fallstudie hat Reinhard Hohmann die Kompetenz-Karte für Erzieherinnen vorgestellt. Über dieses Beispiel ist in Budapest ausführlich diskutiert worden.
Aus polnischer Sicht hat Joanna Kopacz die Unterrichtssupervision und das
Portfolio als Qualifikationsnachweis für Lehrkräfte in der
Erwachsenenbildung beschrieben.
Elisabeth Omran-Wappelshammer vom Österreichischen Institut für Erwachsenenbildung fragt kritisch nach der
Objektivität von Zertifizierungen in der Pädagogik und beschreibt ein Modell der
Kompetenz-Entwicklung für die Freiwilligen-Arbeit.
3. Zusammenfassung
|