10 Thesen zu Profil, Grundangebot und zukünftigen Strukturen
christlicher Erwachsenenbildung
Das vorliegende
Thesenpapier wurde im Rahmen einer Tagung der
Arbeitsgemeinschaft Alp der kirchlichen Erwachsenenbildung vom
8.-9. März 2002 in Traunstein erarbeitet
1. Grundanliegen: eine christliche Erwachsenenbildung
Die Arge Alp kirchliche Erwachsenenbildung ist eine seit über zehn
Jahren bestehende informelle Plattform von Einrichtungen der Erwachsenenbildung
in katholischer und evangelischer Trägerschaft. Das sehr konstruktive
Erleben dieser Zusammenarbeit, die Verpflichtung der christlichen Kirchen
zum gemeinsamen Zeugnis und der drängende gemeinsame Dialog mit den
anderen Weltreligionen bestärken uns in der Vorstellung, die Grundlagen
für eine zukünftige, auch organisatorisch zusammenwachsende
christliche Erwachsenenbildung zu erarbeiten. Ökumenisches Lernen
darf nicht nur ein Ziel sein, sondern muss in einer Weggemeinschaft weiterentwickelt
und zu unserem Alltag werden.
2. Bildungsverständnis
der Christlichen Erwachsenenbildung
Das Bildungsverständnis der Christlichen Erwachsenenbildung (CEB)
nimmt die Vielfalt und Fülle menschlichen Lebens und Lernens in den
Blick.
Unserem Verständnis nach darf Bildung, wie dies immer öfter
im (europäischen) bildungspolitischen Verlautbarungen geschieht,
nicht allein
- als kurzfristige
Qualifizierung für wirtschaftliche und berufliche Notwendigkeiten,
- als reine
Wissensvermittlung oder
- als Aneignung
von Methoden des Lernens verstanden werden.
Mit Bildung
sind demnach vor allem folgende Aspekte angesprochen:
- Selbstständigkeit
des Denkens,
- ethisches
Urteilsvermögen,
- vielfältige
Lebensentfaltung,
- Aneignung
kulturellen, wissenschaftlichen, technischen, sozialen Wissens,
- Entwicklung
von Beziehungs- und Bindungsfähigkeit,
- Einübung
in den toleranten und respektvollen Umgang mit dem Fremden bzw. dem
Anderen,
- Eigeninitiative
und Mitgestaltung.
Zur Vielfalt
unseres Bildungsangebotes gehören diesem Verständnis entsprechend
sowohl Fragen des persönlichen und sozialen, des religiösen
und kulturellen, des wirtschaftlichen, beruflichen und politischen Lebens
als auch die kritische Auseinandersetzung mit den Medienangeboten.
CEB ist ein
kultureller Dienst der Kirchen an den Einzelnen und an der Gesellschaft.
Sie muss eine offene und dialogische Auseinandersetzung mit den aktuellen
Herausforderungen und Gefährdungen dieser Gesellschaft in Zukunft
viel entschiedener als bisher suchen, mit dem Ziel, auf individueller,
religiöser und gesellschaftlicher Ebene zu kompetenter Meinung und
Praxis zu verhelfen.
Grundlage dieser von christlichen Wertorientierungen getragenen Arbeit
ist die Ehrfurcht vor dem unverfügbaren Geheimnis Gottes, in dem
letztlich auch das Geheimnis jedes Menschen in seiner unverwechselbaren
Einmaligkeit wurzelt.
3. Orientierung
am Markt, aber nicht allein
CEB orientiert sich nicht allein an den Marktgesetzen von Angebot und
Nachfrage. Zu einer pluralistischen Gesellschaft gehört die Vielfalt
an Anbietern im Bereich der Lebensdeutung, -begleitung und -orientierung.
CEB hat diese Konkurrenzsituation konstruktiv angenommen; es bedarf allerdings
besonderer Anstrengungen, sich in diesem Markt auf Dauer zu positionieren.
Insofern sie durch ihr Grundangebot einen Beitrag zur Bewältigung
der Zukunftsprobleme durch eine lernende Gesellschaft leistet und Verantwortung
übernimmt, hat sie auch einen Anspruch auf ausreichende finanzielle
öffentliche Förderung.
4. Grundangebot
Christlicher Erwachsenenbildung
Vier Bereiche gehören zum unverzichtbaren Grundangebot:
- Religion
(Spiritualität, Theologie, Dialog der Religionen, ökumenisches
Lernen, etc.)
- Lebenskultur
(Lebensorientierungen und -wissen für verschiedene Lebensphasen)
- Gesellschaft,
Politik und Ethik
(Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung)
- Weiterbildung
für Beruf und freiwilliges Engagement
(Qualifizierung für freiwillige, bürgerschaftliche Tätigkeiten,
berufliche Integration Benachteiligter, Weiterbildung für kirchliche,
soziale, pädagogische, therapeutische Berufe)
Über
allgemeine Ziele hinaus gilt es das Grundangebot für die verschiedenen
Handlungsebenen (Gemeinden, Regionen, städtische Zentren etc.) zu
konkretisieren. Ferner sollen aktiv Bündnisse im Sinne der "Lernenden
Region" gefördert und mitgestaltet werden.
5. Religion
Die Religion bzw. die Religionen mit ihren visionären Traditionen
bieten und entwickeln zukunftsfähige Formen des Zusammenlebens, die
die Dynamik von Gewalt, Ausbeutung und Unterdrückung des Menschen
und globaler Beschleunigung unterbrechen.
CEB initiiert Orte des Dialogs, der Entschleunigung, des Innehaltens und
einer Kultur der Solidarität, von denen praktische Impulse für
eine Kultur des Lebens ausgehen. Damit entwickeln sich Gegenbilder gegenüber
dem "Größer-Schneller-Besser- Mainstream". CEB steht
vor der schwierigen Aufgabe, in einer immer komplexeren und unübersichtlicheren
Welt zu Verständigung hinsichtlich theologischer Deutungen und Traditionen
in den eigenen Reihen beizutragen und sich der Vielfalt im Verständnis
von Spiritualität und Glaubensvermittlung zu stellen.
Theologisches Grundwissen und christliche Haltungen, ökumenisches
Lernen und der Dialog der Religionen sind Arbeitsschwerpunkte. Wichtig
dabei ist, Begegnungen zwischen Angehörigen verschiedener Religionen
und Konfessionen anzuregen und zu ermöglichen, um sich gegenseitig
besser kennen und verstehen zu lernen.
6. Lebenskultur
Das lebensbegleitende christliche Bildungsangebot muss sich vor allem
von dem unbedingten Respekt vor der Freiheit und der Individualität
des Einzelnen leiten lassen. Die Frage nach persönlicher Identität
und Beheimatung, aber auch nach kultureller, sozialer oder regionaler
Identität verschärft sich unter dem Druck von Ökonomie,
Mobilität, Technologie und Globalisierung.
CEB bietet
daher für die verschiedenen Lebensphasen Bildungsmaßnahmen
an,
- die den
Einzelnen in der Entwicklung seiner Lebenskunst unterstützen,
- die Lebenswissen
und -orientierungen für die Entwicklung einer tragbaren Balance
zwischen den Lebensbereichen (Freunde, Familie, Beruf, Freizeit, etc.)
anbieten,
- das Bewusstsein
für die eigene Verortung in einer historisch gewachsenen
Gesellschaft und Kultur fördern und
- die einen
Beitrag zur Entwicklung belastbaren solidarischen Handelns und einer
entsprechenden Konfliktkultur leisten
- und zu
einer immer neuen sozialen Verortung motivieren.
In diesem
Bereich des Grundangebots sind unterschiedliche Schwerpunkte und Profile
denkbar: z. B. Angebote für Frauen, Eltern-Kind-Programme, Angebote
für Alleinerziehende und Singles, Bildungsangebote für sogenannte
Lernschwache und sozial Benachteiligte.
7. Gesellschaft,
Politik und Ethik
Die Sorge um eine bewohnbare Erde als der Schöpfung Gottes ist ein
Markenzeichen CEB. Fragen der weltweiten sozialen Gerechtigkeit, der Kontrolle
globaler Strukturen, der Klima- und Umweltproblematik, der Gewalt und
des Terrors und die Rolle der Religionen dabei, gehören hier genauso
dazu wie die ethische Auseinandersetzung um die künftige Entwicklung
der Gen-, Bio- und Medizintechnik.
Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung um die Fragen des "konziliaren
Prozesses für "Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung"
stehen die Menschen, die am meisten unter den bestehenden Verhältnissen
und Ungerechtigkeit, Gewalt und Naturausbeutung zu leiden haben. CEB hat
in diesem Zusammenhang Wissen und Kenntnisse über die Grundlagen
menschlichen Zusammenlebens, über die Geschichte von Unterdrückung,
Vernichtung und Entfremdung (Erinnerungsarbeit ) anzubieten; in der Auseinandersetzung
mit unterschiedlichen Lösungsmodellen und Gestaltungsperspektiven
fördert sie eine demokratische Kommunikations-, Diskussions- und
Konfliktkultur und schafft damit Grundlagen, die Mitsprache und Partizipation
an politischen Prozessen ermöglichen.
Schwerpunkte: Menschenrechte, Geschlechter- und Generationengerechtigkeit,
Nord-Süd-Themen, Agenda 21, Medizinethik u.a..
8. Weiterbildung
für Beruf und freiwilliges Engagement
Eine bisher zu wenig beachtete Aufgabe der CEB sind Fort- und Weiterbildungs-angebote
für Beruf und freiwilliges bürgerschaftliches Engagement. Im
Blick sollten hier vor allem kirchliche, soziale, pädagogische, therapeutische,
kulturelle Berufe sein, also Tätigkeitsfelder, in denen mit Menschen
umgegangen und Lebens- und Sinnorientierungen von großer Bedeutung
sind.
Nicht weniger bedeutsam ist die soziale und berufliche Integration von
Benachteiligten in unserer Gesellschaft (z.B. Migranten, Langzeitarbeitslose,
Lernschwache, Menschen in Rehabilitation) und die Qualifizierung und Förderung
für freiwilliges, bürgerschaftliches Engagement in kirchlichen,
gemeindlichen, sozialen und kulturellen Bereichen der Gesellschaft.
9. Ökumenisches
Netzwerk
Dabei setzt die CEB in ihrer Arbeitsweise auf ein auch organisatorisch
zusammenwachsendes ökumenisches Netzwerk und eine Arbeitsteilung
von überregionalen und regionalen Bildungszentren und gemeindlichen
Bildungswerken. Diese Arbeitsteilung bedarf hinsichtlich der Qualitätsentwicklung,
der öffentlichen Wirksamkeit und des effizienten Einsatzes von finanziellen,
sachlichen und personellen Ressourcen weiterhin der Professionalisierung
und einer entsprechenden Organisationsentwicklung.
Mit Professionalisierung
ist die Qualifikation und Kompetenz der hauptberuflichen MitarbeiterInnen
und die der nebenberuflichen und freiwilligen MitarbeiterInnen gemeint
Einige Aspekte dieses Prozesses werden im folgenden benannt:
- die Verantwortung
und die fachlichen Voraussetzungen für die Mitarbeit ist für
die einzelnen strukturellen Einheiten sind neu zu definieren:
- Wahrnehmung
der Verantwortung für regionale und überregionale Zentren
durch neben- und hauptberufliche MitarbeiterInnen ( mit Programmbeiräten
aus Nutzern und freiwilligen MitarbeiterInnen aus den Gemeinden
und Regionen), der Verantwortung für Angebote auf Pfarreiebene
durch freiwilligen MitarbeiterInnen
- intensive
Weiterbildung und Qualifizierung der nebenberuflichen und freiwilligen
MitarbeiterInnen, die die Bildungswerke auf Pfarreiebene und in
den Regionen tragen
- kontinuierliche
Durchführung überregionaler Projekte zu einzelnen Themen und
für einzelne Zielgruppen mit effizientem Werbeeinsatz (Lernende
Region)
- Orientierung
des Bildungsangebots an tatsächlichen Lebensregionen,
(wo nötig Überschreiten politischer und pfarrlicher territorialer
Grenzen im Sinne einer der alltäglichen Kommunikationsdichte von
Menschen entsprechenden Raumerschließung)
- Mitarbeit
am Auf- und Ausbau regionaler soziokultureller Netzwerke und Strukturen,
die geeignet sind, regionale Identität zu stiften und Beheimatung
zu ermöglichen.
21. Mai 2002
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